Pädagogische Fach- & Bildungsarbeit

Mythos: Verwirrt oder überfordert Mehrsprachigkeit Kinder?

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„Sprich zu Hause lieber nur Deutsch, sonst kommt dein Kind durcheinander.“

Diesen Rat hören viele mehrsprachige Familien bis heute von Nachbar*innen, Erzieher*innen oder Fachkräften. Dahinter steckt die Vorstellung, dass mehrere Sprachen Kinder überfordern oder ihre sprachliche Entwicklung verzögern. Tatsächlich gehört dieser Mythos der „doppelten Halbsprachigkeit“ (auch Semilingualismus) zu den hartnäckigsten Missverständnissen über Mehrsprachigkeit.

Die wissenschaftliche Forschung zeichnet jedoch ein anderes Bild: Kinder sind grundsätzlich in der Lage, zwei oder mehr Sprachen gleichzeitig zu erwerben. Mehrsprachigkeit führt weder automatisch zu Sprachverzögerungen noch dazu, dass Kinder „keine Sprache richtig lernen“ (Paradis, Genesee & Crago, 2021). Vielmehr ist Mehrsprachigkeit weltweit der Normalfall. Schätzungen gehen davon aus, dass mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung regelmäßig zwei oder mehr Sprachen nutzt (Grosjean, 2010). Mehr als ein Drittel aller Schüler*innen in Deutschland beherrschen bereits beim Schuleintritt mehrere Sprachen (Wie Schulen Mehrsprachigkeit im Unterricht nutzen können). Laut dem Sprachwissenschaftler Mario Wandruszka wohnen viele Sprachen in uns: Er spricht von „innerer Mehrsprachigkeit“ und meint damit, dass auch Dialekte und Soziolekte – also Sprachvarietäten sozialer Gruppen wie Jugend- oder Fachsprachen – dazugehören (Wandruszka, 1979).

Entscheidend ist daher nicht, ob Kinder mehrsprachig aufwachsen, sondern unter welchen Bedingungen. Ausreichender und qualitativ hochwertiger Sprachinput sowie eine wertschätzende Unterstützung aller Sprachen sind wesentlich für eine gelingende Sprachentwicklung (Paradis et al.,2021).

Mehrsprachigkeit verwirrt Kinder nicht

Dass Kinder manchmal Sprachen mischen oder zwischen ihnen wechseln, wird häufig als Zeichen von Verwirrung interpretiert. Tatsächlich handelt es sich dabei um ein völlig natürliches Phänomen, das in der Sprachwissenschaft als Code-Switching bezeichnet wird (Grosjean, 2010). Mehrsprachige Menschen wählen je nach Gesprächspartner*in, Situation oder Thema flexibel die Sprache oder sprachlichen Mittel aus, die gerade am besten passen. Das zeigt keine Unsicherheit, sondern sprachliche Kompetenz.
Eng damit verwandt ist das Translanguaging: Mehrsprachige Menschen nutzen dabei ihr gesamtes sprachliches Repertoire als zusammenhängendes Ganzes, etwa um Inhalte zu verstehen, zu besprechen und zu erarbeiten, ohne die Sprachen strikt voneinander zu trennen (García & Wei, 2014).

Auch die lange verbreitete Vorstellung einer sogenannten „doppelten Halbsprachigkeit“ gilt heute als wissenschaftlich überholt. Es gibt keine belastbaren Belege dafür, dass Kinder allein durch das gleichzeitige Aufwachsen mit mehreren Sprachen beide Sprachen nur unvollständig erwerben (Cummins, 2000; Paradis et al., 2021). Unterschiede im Wortschatz oder in bestimmten Themenbereichen entstehen vielmehr dadurch, dass Kinder verschiedene Sprachen in unterschiedlichen Lebensbereichen nutzen – etwa die Familiensprache zu Hause und Deutsch in der Kita oder Schule (Grosjean, 2010).

Forschung zeigt zudem, dass mehrsprachig aufwachsende Kinder häufig ein ausgeprägtes metasprachliches Bewusstsein entwickeln. Sie denken stärker darüber nach, wie Sprache funktioniert, erkennen Gemeinsamkeiten zwischen Sprachen und können dieses Wissen beim Lernen weiterer Sprachen nutzen. (Quelle: Wie Schulen Mehrsprachigkeit im Unterricht nutzen können)

“Von einem türkisch-sprachigen Jungen, der nach dem zweisprachigen Vorlesen sagte, dass er das Vorlesen auf Deutsch-Türkisch so schön fand, da ihm noch nie auf Türkisch vorgelesen wurde. ”
Rückmeldung einer pädagogischen Fachkraft

Das eigentliche Problem liegt im Bildungssystem

Wenn mehrsprachige Kinder Schwierigkeiten in der Schule haben, liegt die Ursache meist nicht in ihrer Mehrsprachigkeit, sondern darin, dass ihre sprachlichen Ressourcen im Bildungssystem häufig unzureichend berücksichtigt werden.

Seit vielen Jahren zeigt die Bildungsforschung, dass Kinder erfolgreicher lernen, wenn ihre Erstsprachen nicht als Hindernis, sondern als Ressource verstanden werden (Cummins, 2000; García & Wei, 2014). Wer bereits Wissen in einer Sprache aufgebaut hat, kann dieses Wissen grundsätzlich auch auf andere Sprachen übertragen. Sprachliche Kompetenzen stützen sich gegenseitig, anstatt miteinander zu konkurrieren (Cummins, 1979; Cummins, 2000).

Darüber hinaus trägt die Anerkennung von Mehrsprachigkeit zur Bildungsgerechtigkeit und Teilhabe bei. Wenn die Sprachen von Kindern im Kita- und Schulalltag sichtbar sind und wertgeschätzt werden, erfahren sie, dass ihre sprachlichen Erfahrungen und ihre Identität dazugehören. Werden Familiensprachen im Unterricht sichtbar gemacht und wertgeschätzt, fördert das die sprachliche Entwicklung und zeigt, dass Sprache eng mit Identität und Zugehörigkeit verbunden ist. Kinder fühlen sich anerkannt, gewinnen an Selbstvertrauen und beteiligen sich aktiver am Lernen und am sozialen Miteinander. Wie das praktisch aussehen kann, zeigt das Projekt Tragweite: Es hat mehrsprachige Bücherkoffer und ein philo-mehrsprachiges Kartenset für Schulen entwickelt. Beide Materialien fördern Lesefreude, machen Sprachvielfalt sichtbar und bauen Brücken zwischen Schule und Familie.
Deshalb ist es wenig sinnvoll, Familien zu empfehlen, ausschließlich Deutsch mit ihren Kindern zu sprechen – insbesondere dann, wenn Deutsch nicht ihre stärkste Sprache ist. Für die sprachliche und emotionale Entwicklung eines Kindes ist es wichtiger, dass Eltern in der Sprache mit ihm sprechen, in der sie sich sicher fühlen und reichhaltig kommunizieren können (Paradis et al., 2021).

“Die Mehrsprachigkeit und somit auch die Lebenswelt der Kinder wurde durch die Einführung der Bücherkoffer erst im Klassenzimmer sichtbar gemacht. Die Lehrkraft und auch die Kinder untereinander wussten teilweise nicht, welch ein „Sprachenschatz" in der Schülerschaft vorzufinden ist. Die Lesemotivation wurde durch die zwei- und mehrsprachigen Kinderbücher sehr deutlich erhöht.”
Zitat einer pädagogischen Fachkräft

Wie kann Mehrsprachigkeit im Unterricht gefördert werden?

Mehrsprachigkeit muss nicht „zusätzlich unterrichtet“ werden – sie kann in den Unterricht integriert und wertgeschätzt werden. Forschung und Schulpraxis zeigen verschiedene Möglichkeiten:

  • Mehrsprachige Bücher, Bilder und Materialien einsetzen, zum Beispiel mit unserem Bücherkoffer oder dem philo-mehrsprachigen Kartenset.
  • Kinder Wörter oder Begriffe in verschiedenen Sprachen vergleichen lassen.
  • Familiensprachen bei Projekten, Präsentationen oder Gruppenarbeiten einbeziehen.
  • Mehrsprachige Beschriftungen im Klassenraum nutzen.
  • Eltern als sprachliche Expert*innen einbeziehen.
  • Translanguaging zulassen: Schüler*innen dürfen verschiedene Sprachen nutzen, um Inhalte zu verstehen, zu diskutieren und zu erschließen (García & Wei, 2014).

Solche Ansätze stärken nicht nur die sprachliche Entwicklung, sondern vermitteln Kindern auch Wertschätzung für ihre sprachliche Identität und fördern ihre Teilhabe am Unterricht.

Fazit

Der Mythos, Mehrsprachigkeit überfordere Kinder, hält einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand. Kinder können problemlos mit mehreren Sprachen aufwachsen – wenn wir sie dabei unterstützen. Nicht Mehrsprachigkeit ist das Problem – sondern ein Bildungssystem, das sie zu oft ignoriert.
Werden die Sprachen von Kindern als Stärke verstanden und aktiv in Kita und Schule einbezogen, profitieren nicht nur die Kinder selbst, sondern auch das gemeinsame Lernen.

Weiterführende Materialien und Angebote

Möchten Sie Mehrsprachigkeit in Ihrer Praxis stärker berücksichtigen? Auf mehr-teilhabe.de finden Sie weitere Informationen und praktische Anregungen:

Literaturtipps zum Weiterlesen:

Wissenschaftlich Vertiefung:

Praxisinformationen