AWV-Projektgruppe diskutiert Praxiserfahrungen und innovative Ansätze
Die AWV-Projektgruppe „Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten und Asylsuchenden“ unter der Leitung von Friedrich Ebner (Ministerialdirigent a.D.) und Prof. Dr. Ulrich Gartzke (Technische Hochschule Würzburg-Schweinfurt) traf sich am 25. September 2025 zu ihrer Webkonferenz, um aktuelle Entwicklungen und Perspektiven in der Integration von Geflüchteten in den deutschen Arbeitsmarkt zu beleuchten. Expert:innen aus Wissenschaft, Verwaltung und Praxis präsentierten ihre Erkenntnisse und diskutierten über erfolgreiche Strategien sowie bestehende Hürden.
Zehn Jahre Integration: Eine Bilanz
Friedrich Ebner, Co-Moderator der Projektgruppe, eröffnete die Sitzung mit einem Rückblick auf die Entwicklungen der vergangenen Dekade. Seit der Flüchtlingsbewegung 2015 seien trotz schwieriger Ausgangsbedingungen bemerkenswerte Fortschritte erzielt worden. Dank des Zusammenwirkens von Bund, Ländern, Kommunen und Zivilgesellschaft konnten schnell Strukturen für Unterbringung, Sprach- und Integrationskurse geschaffen werden. Laut IAB sind mittlerweile über 65 Prozent der männlichen Geflüchteten aus den Jahren 2015 bis 2017 sozialversicherungspflichtig beschäftigt – ein Erfolg, der langfristige Investitionen rechtfertige.
Praxiseinblicke aus dem Jobcenter
Boris Berner (Pro Arbeit – Kreis Offenbach – (AöR) – Kommunales Jobcenter, Dreieich) präsentierte konkrete Erfahrungen aus dem Arbeitsalltag eines kommunalen Jobcenters. Deutschland erreiche im europäischen Vergleich mit einer Beschäftigungsquote von 64 Prozent nach neun Jahren gute Ergebnisse. Allerdings verdienen Geflüchtete durchschnittlich 30 Prozent weniger als der allgemeine Durchschnitt, und bei der Integration von Frauen bestehe weiterhin erheblicher Aufholbedarf. Entscheidend für den Erfolg sei die frühe Verzahnung von Unterstützungsangeboten sowie ausreichende Kinderbetreuungsmöglichkeiten. Der im Kreis Offenbach verfolgte Ansatz eines Spezialteams für kompetenzorientierte Begleitung zeige, dass nachhaltige Integration Zeit und individuelle Förderung erfordere.
Ukrainische Geflüchtete: Potenziale besser nutzen
Prof. em. Dr. Dietrich Thränhardt (Universität Münster) stellte seine Studie zur Arbeitsmarktintegration ukrainischer Schutzsuchender vor. Während die Aufnahme im Jahr 2022 europaweit weitgehend reibungslos verlief, zeigen sich bei der Integration große Unterschiede zwischen den Ländern. Positive Beispiele wie Irland mit digitalen Berichtssystemen oder Polen mit vereinfachtem Arbeitsmarktzugang verdeutlichen, dass schnelles und strukturiertes Handeln Erfolge bringt. In Deutschland hingegen würden lange Wartezeiten bei Integrationskursen und hohe Hürden bei der Anerkennung von Qualifikationen die Integration verzögern. Ein erfolgreiches Beispiel aus Sachsen, wo ukrainische Lehrerinnen in den Schuldienst integriert wurden, zeige jedoch, welche Chancen besser genutzt werden könnten.
Innovative Projekte für bessere Integration
Salma Hamed (International Rescue Committee | IRC Deutschland gGmbH, Berlin) präsentierte mit „WIN – Workforce Integration for Newcomers“ ein erfolgreiches Praxisprojekt. An den Standorten Berlin, Bonn, Bamberg und Mannheim werden Workshops und Einzelberatungen angeboten, die Geflüchtete gezielt beim Erreichen wichtiger Meilensteine unterstützen. Vor allem die kompakten Workshop-Formate erleichtern auch Frauen mit Betreuungspflichten die Teilnahme. Ein neu veröffentlichtes Toolkit bietet Fachkräften, Verwaltungen und Arbeitgebern praktische Hilfestellungen.
Einen innovativen Weg beschreitet das Modellprojekt „NIU – Newcomer in Unternehmensnachfolge“, das Maria Kiczka-Halit (LOK.a.Motion | Gesellschaft zur Förderung lokaler Entwicklungspotentiale mbH, Berlin) vorstellte. Es bereitet Zugewanderte auf die Übernahme kleiner und mittlerer Unternehmen vor und adressiert damit gleichzeitig den Informationsbedarf zugezogener Menschen wie auch das Nachfolgeproblem vieler KMU. Das Projekt, das 2026 in seine Praxisphase startet, verbindet gesellschaftliche Teilhabe mit der Sicherung lokaler Wirtschaftsstrukturen.
Wohnortwahl als Integrationshemmnis
Dr. Jonas Wiedner (Wissenschaftszentrum für Sozialforschung Berlin) präsentierte interessante Forschungsergebnisse zur Sekundärmigration. Seine Studie zeigt, dass Geflüchtete häufig in Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit ziehen, wo sie urbane Communities finden, aber gleichzeitig schlechtere Berufschancen haben. Die 2016 eingeführte Wohnsitzauflage erweise sich als ungeeignetes Instrument, da sie in keinem Bereich messbare Erfolge zeige und besonders finanzschwache Kommunen zusätzlich belaste.
Ausblick
Die Diskussionen machten deutlich: Erfolgreiche Integration braucht Zeit, koordinierte Anstrengungen und den Abbau struktureller Barrieren. Die Arbeit der AWV-Projektgruppe wird im Jahr 2026 fortgesetzt mit dem Ziel, erfolgreiche Ansätze weiterzuentwickeln und konkrete Empfehlungen für Politik und Praxis zu formulieren. Die nächste Webkonferenz findet am 26. Februar 2026 statt.
Weitere Informationen:
- Zur AWV-Projektgruppe 1.6.2 „Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten und Asylsuchenden“
- Padlet der Arbeitsgruppe
- Studie zur Integration ukrainischer Geflüchteter
Koordination der Teilnahme IRC: Irem Pfeiffer
photo: Iuna for IRC

