Menschenhandel und Ausbeutung: Ein unterschätztes gesellschaftliches Problem
Menschenhandel und Ausbeutung gehören zu den Themen, die in der öffentlichen Wahrnehmung noch immer zu wenig Beachtung finden. Dabei zeigen aktuelle Zahlen des Bundeskriminalamtes, das seit dem Jahr 2000 entsprechende Verfahren erfasst, einen deutlichen Anstieg: 576 Ermittlungsverfahren wurden 2024 in Deutschland wegen Menschenhandels und Ausbeutung eingeleitet – 13 Prozent mehr als im Vorjahr.(Quelle: BKA, 2024)¹
Gleichzeitig ist davon auszugehen, dass die tatsächliche Zahl der Betroffenen deutlich höher liegt. Menschenhandel und Ausbeutung gelten als sogenannte Kontrollkriminalität, da viele Verfahren durch polizeiliche Kontrollen und nicht durch Anzeigen angestoßen werden. Das erschwert die Identifizierung der Betroffenen und verdeutlicht, wie dringend Prävention, Aufklärung und Schutzmaßnahmen gestärkt werden müssen.
Ein Blick auf die europäische Ebene
Auch auf EU-Ebene zeigt sich ein komplexes Bild: 9.678 Betroffene von Menschenhandel wurden 2024 registriert – ein Rückgang um 8 Prozent im Vergleich zu 2023. Dabei bleibt sexuelle Ausbeutung mit 46 Prozent aller Betroffenen die häufigste Form.
Während in 12 EU-Mitgliedstaaten die Zahlen stiegen, gingen sie in 14 zurück. Es wird davon ausgegangen, dass verbesserte Identifizierungs- und Meldeverfahren zu den Anstiegen beitragen könnten. Dennoch bleibt die Erfassung von Fällen eine zentrale Herausforderung, da Menschenhandel oft im Verborgenen stattfindet.
Wie der KOK betont: „Die Täter*innen agieren im Grenzbereich zwischen legaler und illegaler Wirtschaft, was die Identifizierung der Opfer erschwert.“ (Quelle: KOK, 29.01.2025)².
Was IRC und seine Partner tun: Die Projekte TIES und REACH
Im Rahmen der Projekte TIES (Transnational Initiative on Enhancing early (Self)Identification of Victims of labour exploitation and forced criminality) und REACH (Resilience through Enhanced Access to Comprehensive Help- Strengthening Protection for Victims and Survivors of Sexual Violence in Exploitation and Trafficking) arbeitet IRC Deutschland gemeinsam mit Anti‑Trafficking‑Fachberatungsstellen und Partnerorganisationen in mehreren EU‑Ländern daran, Prävention und Schutzmaßnahmen zu verbessern.
REACH – Schutz für Betroffene sexueller Gewalt
Das REACH-Projekt befasst sich mit dem Bedarf an Unterstützung und Schutz für Opfer und Überlebende sexueller Gewalt im Kontext von Ausbeutung und Menschenhandel (einschließlich sexueller Ausbeutung, sexueller Sklaverei/Unterwerfung, Zwangsprostitution/Gewalt in der Prostitution und Zwangsheirat). Das Ziel besteht darin, die Lücke zwischen den Bedürfnissen der Klientinnen und den bereits bestehenden Hilfsangeboten zu schließen.
TIES – Früherkennung von Arbeitsausbeutung und Zwangskriminalität
Das TIES-Projekt unterstützt Betroffene von Arbeitsausbeutung und Ausbeutung strafbarer Handlungen. Das Projekt setzt auf innovative Ansätze wie digitale Straßenarbeit und schult Fachkräfte an vorderster Front, um potenzielle Opfer besser zu erkennen und weiterzuvermitteln. Zudem fördert das Projekt den europäischen Austausch, um Systeme zur Bekämpfung von Menschenhandel nachhaltig zu verbessern.
Anti-Trafficking Response: Wissen, das schützt
Um Fachkräfte zu unterstützen und das Bewusstsein für Menschenhandel zu stärken, wurde die Website Anti-Trafficking Response entwickelt. Sie bietet:
- Webinar-Aufzeichnungen zu zentralen Themen der Prävention und Intervention
- Informationsblätter und Lehrvideos
- eine Online-Schulungsreihe zu Grundlagen des Menschenhandels und technologiegestützten Ausbeutungsformen
- künftig auch Podcasts
Die Plattform dient als praxisnahes Tool, das Wissen bündelt und Fachkräften konkrete Handlungsmöglichkeiten an die Hand gibt.
Prävention beginnt mit Wissen – und Wissen beginnt mit Ihnen
Menschenhandel und Ausbeutung sind komplexe, oft unsichtbare Phänomene. Umso wichtiger ist es, dass Fachkräfte, Organisationen und die breite Öffentlichkeit Zugang zu fundierten Informationen und praxisnahen Ressourcen zur Erkennung und Unterstützung von Betroffenen erhalten.
Nutzen Sie die verfügbaren Webinare und Materialien, um Ihr Wissen zu erweitern und Betroffene besser schützen zu können. Jede informierte Person trägt dazu bei, Ausbeutung sichtbar zu machen – und ihr entgegenzutreten.
👉 Hier geht’s zur Anti-Trafficking Response Plattform: Link
¹ BKA, 2024: https://www.bka.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/DE/Kurzmeldungen/250828_BLBMenschenhandel.html?nn=27956
² KOK, 29.01.2025 https://www.kok-gegen-menschenhandel.de/news-detail/neue-eurostat-zahlen-zu-menschenhandel-in-der-eu
Die Projekte REACH und TIES werden von der Europäischen Union kofinanziert.


